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"Stärke in der Fremde, die Stärke in mir"

Ausstellung "Stärke in der Fremde, die Stärke in mir"

Ein ungewöhnlicher Titel für eine ungewöhnliche Ausstellung. Normalerweise braucht ein solches Projekt einen längeren Vorlauf, doch dieses wurde in nur drei Wochen realisiert. Eine weitere Besonderheit ist, dass erstmals eine Ausstellung zugleich im Mehrzweckraum und im Glashaus stattfindet.

Aus aktuellem Anlass hatte der Zühlsdorfer Multimedial-Künstler Volker Barndt sein geplantes Ausstellungsprojekt verschoben, um gemeinsam mit seiner Projektpartnerin Katharina Bartsch den in unsere Mitte lebenden UkrainerInnen eine Möglichkeit zu bieten, uns ihre Geschichte zu erzählen und sie damit zu stärken. Drei der Frauen aus Kjiv (Kiew) und Kharkiv (Charkiv) waren bereit und in der Lage, ihre Fotos zur Verfügung zu stellen und die Ausstellung aktiv mitzugestalten: Polina Adamenko, Natalya Bilous und Natalia Sukhar´.

Das eigentlich Besondere aber sind die Bilder und die, die sie fotografiert haben. Kein Künstler stellt hier aus, keine teure Kameratechnik kam zum Einsatz. Es sind Handy-Fotos von Flüchtenden, die – scheinbar ruhige – Momente erfasst haben.

Die Motive zeigen Schutzsuche, zerstörtes Zuhause, Schmerz und Sorge um das, was man zurücklässt, das Unterwegssein ins Ungewisse, die Erleichterung nach dem Entkommen und die Frage nach dem "Wie weiter …".

Bei der Eröffnung am Sonntag, den 22.5.2022, waren außer UkrainerInnen aus der Gemeinde Mühlenbecker Land noch zwei weitere Menschen mit viel Sachverstand zum Thema anwesend: der Psychologe Dr. Jens Eisermann und der Berliner Künstler Rainer Görß, Gründer des Berliner Untergrundmuseums.

 

Der kurze Vortrag von Dr. Eisermann zum Thema Trauma und Erinnerung machte allen Anwesenden bewusst, was Traumatisierung bedeutet, welche Faktoren und Phasen es gibt und dass das beste Ergebnis einer Traumabewältigung in der Integration des Erlebten besteht. Einfach gesagt: Dass man das Erlittene nicht mehr verdrängen muss und es keine Angst mehr macht.

Rainer Görß zeigte im Glashaus das aktuell entstandene Video "Ideologierecycling" mit Kurzgeschichten aus 2022. Er machte deutlich, dass der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine aus ostdeutscher Perspektive noch einmal andere Aspekte hat. Schließlich war die DDR 40 Jahre ein von den Russen besetztes Land, was zu einer - im positiven wie im negativen – engeren Verbindung geführt hat. Durch diesen Krieg treten viele nicht bearbeitete Aspekte des Ost-West-Konfliktes in Geschichte und Gegenwart wieder offen zu Tage. „Ost-Traumatisierung“ nennt Görß das, in Anlehnung an „Posttraumatisierung“.

 

Nicht geplant, aber absolut passend gab es auf diesen Vortrag die Entgegnung eines älteren Flüchtlings, Herrn B., der aus Sorge um Repressalien gegenüber den in der Ukraine verbliebenen Verwandten nicht namentlich genannt werden will. Herr B. war in den 80gern für fünf Jahre in der DDR stationiert, er kannte die sowjetische Präsenz in Ostdeutschland noch aus eigener Erfahrung. Seine Kernaussage war, dass anders als in der DDR und Deutschland wahrgenommen, die Ukraine sich bereits seit Jahrhunderten ständig den imperialen Absichten Russlands entgegenstemmen musste, um kulturell und staatlich eigenständig zu bleiben oder wieder zu werden. Anders als für viele Europäer kam der Überfall für sie daher nicht überraschend.

 


Die enge Verbindung zwischen Gestern und Heute scheint sich auch im Kontrast zwischen den alten Rahmen und den farbstarken Bildern auszudrücken. Alles was jetzt passiert, geschah leider schon oft genug in der Geschichte der Menschheit und offenbar auch in der Ukraine. Die Rahmen stehen für diese Wiederholungen in der Vergangenheit, die bei weitem noch nicht alle aufgearbeitet sind. Manche Rahmen sehen so aus, als hätten sie schon einen Bombenangriff hinter sich gebracht. Warum die Fotos so bunt seien, warum nicht schwarz-weiß, hörte ich im Publikum murmeln. Das sollte man die Frauen am besten selber fragen, es war wohl eine bewusste Entscheidung. Mir erscheinen manche Fotos durch die Rahmung auf den ersten Blick wie schöne alte Gemälde, die beim Erkennen der Bildaussage den Schmerz für den Betrachter noch verstärken.

Letzteres trifft auch auf zwei Bilder von Natalya Bilous zu, die mir persönlich besonders das Herz bewegten:

Ein Bild (im Glashaus) zeigt größere Hunde, die sich an einen sich zu ihnen neigenden Menschen schmiegen. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste meine 2 Katzen auf der Flucht zurücklassen, meine Seele würde erstarren. Katzen und Hunde können sich vielleicht noch selbst versorgen – aber Schafe, Kühe, Hühner, Pferde …

Das andere Bild (im MZR) sah von weitem wunderschön aus, wie ein Sonnenuntergang in einer spektakulären Wolkenformation. Es stellte sich heraus als eine Öl-Lager-Explosion, fotografiert aus dem Wohnhaus der Geflüchteten. Natalya erzählte mir von dem Moment, als sie das Foto machte, und ich werde in Zukunft bei jedem schönen Sonnenuntergang an die Gefahren denken, die Natalya überlebt hat.

Quelle: Natalya Bilous
Quelle: Natalya Bilous

"Ein Leben verlieren, aber am Leben bleiben."

einer der Gedanken von Polina Adamenko auf dem Ausstellungsplakat

 


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Ausstellungseinladung 22.05.2022 Zühlsdo
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Text: Christiane Ziller | Fotos: Jürgen Naß

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